Engels Traum

Ein Tag im Himmel

Meine Augen schließen sich. Ich atme aus. Und wache auf. Wo bin ich? Im Himmel? „Nein. Aber fast.“, flüstert eine liebliche Stimme. Meine Lider flattern auf, ich schwebe – zumindest fühle ich mich so, federleicht. Mein Blick schweift. Kein Mensch da – wer spricht zu mir? Ich erhebe mich, meine Füße greifen warmen Boden. Es ist mucksmäuschenstill. Wo bin ich hier? „Du bist bei den Engeln.“ Ich sehe niemanden. „Wer bist du?“, frage ich zaghaft. Das leise Tapsen meiner nackten Füße ist die einzige Antwort, die ich erhalte. Ich gehe aus dem Raum, in dem ich eben noch stand. Ein schmaler Flur führt mich weiter. Hinter einer Glastür glitzert blaues Wasser. Ich gehe durch sie hindurch. Ist das der Himmel? „Nein. Aber fast.“, ich fühle das Wispern an meinem Ohr. „Wer bist du?“, wiederhole ich, ebenfalls wispernd. „Ich bin es doch,“, die Antwort, und: „dein Engel.“ Und plötzlich verschwinden alle Fragen aus meinem Kopf, ich fühl mich sicher, geborgen, ja, daheim. „Komm! Ich zeige dir, wo du bist!“ Und ich folge, stumm, gespannt, angstlos der süßen Stimme.
Wassersymphonie
Sie führt mich ans blitzblaue Wasser, ich tippe mit meinen Fingerspitzen auf die Oberfläche. Es ist wider Erwarten ganz warm, als ich hinein steige. „Schau, hier!“ Ein steinernes Becken schmiegt sich am Boden an eine Ecke, es ist hübsch, das Wasser darin nicht tief. Und auch nicht warm, sondern kalt. Ich wate hindurch. Jetzt bin ich wach! Meine Füße tragen mich weiter, an kuscheligen Bettnischen vorbei, durch eine Tür nach draußen, wo alles weiß ist. Kleine Atemwölkchen steigen aus meinem Mund. Doch ich spüre keine Kälte. Da, wieder ein Becken mit Wasser, ja, sogar zwei! Dampf steigt aus beiden, im kleinen Becken blubbert’s.

Und so wandern wir, ich und die süße Stimme meines Engels. Wir wandern durch das stille Gebäude, wir wandern durch die fürstlichen Zimmer, durch das Restaurant, in dem ein üppiges Buffet wie hin gepinselt bereit steht, durch die Flure und Säle und Lounges. Und dann wandern wir aus dem Gebäude und in die Berge. Es scheint mir, als würde ich fliegen, doch das tu ich nicht, meine Fußsohlen schreiten über den Boden und fühlen ihn, mal kühl, dann warm, kieselig, kitzelig, schneeweich. Ich kichere leise vor mich hin. Wo bin ich hier bloß? „Da hinauf wollen wir!“, tönt es und ich blicke instinktiv zum glitzerweißen Berggipfel empor. „Und dann flitzen wir wie der Wind wieder runter!“, die Stimme kichert mit mir.
(Ein) Hoch auf den Berg!
So tun wir’s dann, wir stapfen hinauf und sausen hinunter, auf unseren Beinen, ja, geht das denn überhaupt? So viele Fragen, die nur dann hochkommen, wenn ich ganz trunken bin vor Glück. Wo bin ich überhaupt? Was tue ich denn hier? Doch Antworten suche ich keine. Ich lasse mich leiten, von meinem Engel. So gehen wir durch die Berge, wir fliegen, wir sausen, wir düsen. Die Zeit scheint zu stehen. Oder vielleicht gibt es sie gar nicht?

„Wir gehen heim, komm!“, und wir waten durch den Schnee zum Gebäude zurück. Und dann finde ich mich vor der Tür zum Raum wieder, in dem ich vorhin – ja, wann war das überhaupt? – schon war, benommen vom Erlebnis, das so schnell an mir vorbeigeflogen ist, das ich dennoch gefühlt habe, als hätte es ewig gedauert. „Auf Wiedersehen!“, flüstert die Stimme in mein Ohr und ich verstehe nicht. Wo bin ich hier?

Meine Augen öffnen sich. Ich atme ein. Und wache auf. Wo war ich? Im Himmel? Meine Lider flattern auf. Kein Mensch ist da. Und keine Stimme flüstert zu mir. Nur leise Pianoklänge dringen an mein Ohr, ich höre gedämpfte Schritte. Da öffnet sich die Tür – und plötzlich fällt es mir ein. Ich bin tatsächlich bei den Engeln! Nicht im Himmel, nein, aber fast. Ich bin im Hotel Engel, in den Bergen, in den Dolomiten. Und ich bin während der Klangmassage eingeschlafen, habe geträumt – vom Abenteuer meines vergangenen Tages, der hier, federleicht, seinen Abschluss findet …
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